Wer hoch hinaus will, muss manchmal Grenzen überwinden und über sich hinaus wachsen. So wie der kleine Max, den beim Therapieklettern mit Christopher Nink die Faszination Höhe gepackt hat. Das Training im Kanditurm Andernach bringt viele spannende Erfahrungen und einige Fortschritte.

Mit allen Fingern seiner linken Hand umschließt Max fest den Griff an der Kletterwand im Kanditurm Andernach. Mit der rechten Hand packt er den zweiten Griff, um sein Körpergewicht nur wenige Sekunden später mit den Beinen kraftvoll nach oben zu stemmen. Hände und Füße verankert der Sechsjährige nun einen Meter über dem Boden an den Klettergriffen. Von unten stützt ihn Christopher Nink. Doch der staatlich geprüfte Ergotherapeut kann ihm nur kurz helfen. Denn Max benötigt nicht lange, um sich von Griff zu Griff zu hangeln – und damit aus der Reichweite von Christopher. Der kleine Kletterer hat an der Wand gleich mehrere Ziele fixiert: Luftballons, die auf unterschiedlichen Höhen angebracht sind. Nach den ersten Metern pflückt er die ersten Luftballons lachend herunter und wirft sie zu Boden, weit über dem Boden folgen die nächsten. Auf acht Meter Höhe ist Schluss, weiter nach oben traut sich Max heute nicht. Das macht aber nichts, zufrieden seilt er sich mit Hilfe von Christopher nach unten ab.

Spielerische Elemente wie diese baut der Ergotherapeut regelmäßig in die Trainingsstunden ein. „So fällt es den Kindern leichter, sich an die Höhe zu gewöhnen. Sie merken manchmal kaum, dass sie schon höher klettern, als sie sich eigentlich zugetraut haben“, sagt der 33-Jährige. Christopher arbeitet als Ergotherapeut bei der Heinrich-Haus MVZ GmbH in Neuwied hauptsächlich mit Jugendlichen zusammen. Als freier Mitarbeiter ist er zudem in einer Ergotherapie-Praxis tätig, dabei ist die Behandlung von Kindern sein Schwerpunkt. In seiner Freizeit geht er selbstverständlich gerne klettern und bouldern, Nink besitzt den Sicherungsschein des Deutschen Alpenvereins (DAV). Auch Schwimmen und Mountainbiken gehören zu seinen Hobbies. Aus Job und Hobby hat er eins gemacht – und ist mit der Idee auf den Kanditurm Andernach zugegangen, Therapieklettern für junge Leute anzubieten. Das war im November 2016. Auch mit seinem Freund Christian Hahn hat Nink in dieser Zeit gesprochen. Der arbeitet bei Höhenpass, Spezialanbieter für PSAgA aus Koblenz und Partner von SKYLOTEC. Christian überlegte nicht lange. „Das ist ein Projekt, das wir gerne unterstützen“, sagt er. Bevor es losging, stattete Höhenpass ihn daher mit Gurten, Seilen und Rucksäcken für das wöchentliche Training aus.


Zum Aufwärmen geht’s für Max auch schon mal an die Boulderwand.


So geht Sicherheit: Max prüft, ob der Gurt bei Christopher Nink auch sitzt.

Nichts geht ohne Partnercheck

Manchmal geht’s für Max zum Aufwärmen schon mal an die Boulderwand. So wie heute. Nach ein paar Minuten steigt Max in der Halle in Andernach aber in einen Klettergurt. Der 14-jährige Kilian hilft ihm dabei. Vor dem Losklettern führt er den Partnercheck durch. Ohne geht es nicht, Sicherheit muss sein. Ergotherapeut Christopher beobachtet still, wie Kilian beispielsweise die Gurtverschlüsse kontrolliert und Anseilpunkt und Anseilknoten checkt. Der Karabiner ist noch nicht verschlossen, als Kilian Max schon ein Startsignal geben möchte. Nink lässt sie zunächst gewähren. „Nach ein paar Trainingsstunden sind die Kinder so routiniert, dass sie nach kurzer Zeit merken, dass sie so nicht klettern dürfen“, sagt der begeisterte Kletterer. So ist es auch diesmal. Kilian zupft Max am Ärmel seines T-Shirts und bedeutet ihm, dass er noch warten soll. Kilian ist noch rechtzeitig aufgefallen, dass etwas nicht stimmt. Gekonnt verschließt er den Karabiner an Max‘ Gurt. Der Sechsjährige indes darf bei Christopher kritisch prüfen, ob die Ausrüstung richtig angelegt wurde. Sicherheit steht beim Klettern eben immer an erster Stelle. Dass die von Höhenpass gestiftete Ausrüstung richtig sitzt und verwendet wird, muss daher bis ins letzte Detail überprüft werden.


Würfeln beim Klettern? Das gehört bei Christopher Nink (Mitte) dazu.

Spielerische Elemente im Mittelpunkt

Das gemeinsame Klettern fördert die Interaktion untereinander – und das Sozialverhalten. Kilian, der ältere der beiden Jungen, fühlt sich sichtbar wohl in seiner Rolle als Aufpasser für Max. Der 16-Jährige ist stolz, dass er Verantwortung übernehmen kann. Das ist nur ein positiver Effekt des Therapiekletterns. Es gibt viele weitere, wie Christopher weiß: „Es trägt beispielsweise dazu bei, den gesamten Körper zu kräftigen, das Selbstwertgefühl zu steigern und Ängste zu überwinden.“ Christopher arbeitet mit Teilnehmern aus allen Altersstufen und verbindet die Therapie mit Erlebnis, Sport und Spaß. Wenn er im Kanditurm mit Kindern und Jugendlichen trainiert, stehen spielerische Elemente im Mittelpunkt. So wie die Luftballons, nach denen sich Max begeistert reckt. Wer wie er zum Therapieklettern kommt, hat etwa mit einem gestörten Bewegungsablauf oder einer eingeschränkten Koordination zu kämpfen.

 

Immer wieder neue Anreize

Der kleine Max ist grob- und feinmotorisch leicht eingeschränkt. Zudem fällt es ihm schwer, sich zu konzentrieren. Bei der Suche nach einem passenden Hobby hat er schon einiges ausprobiert. Mit seiner Mutter und seinem Bruder Michel hat er sich zum Beispiel während einer Reha kurz vor seiner Einschulung beim Gitarrenspielen versucht – und eben beim Klettern. „Davon ist nur eins hängen geblieben“, erinnert sich sein Vater Dominik Pauly. „Nämlich das Klettern. Daran hat er noch heute Spaß.“ Die Begeisterung teilt Max übrigens mit seinem Vater. Weil es rund um den Wohnort in der Nähe von Cochem kaum passende Angebote gibt, hat er sich mit Max nach kurzer Suche zu einer Probestunde bei Therapieklettern Nink im rund 50 Kilometer entfernten Andernach angemeldet. „Das hat uns auf Anhieb gut gefallen. Es ist sehr abwechslungsreich, Christopher schafft für die Kinder immer wieder neue Anreize.“

In seinen ersten Stunden stand Max noch ehrfürchtig vor der Kletterwand. Die Höhe flößte ihm ordentlich Respekt ein. Drei, maximal vier Meter hat er sich nach oben getraut. Danach ging’s schnell wieder abwärts. Hinzu kam, dass seine Muskulatur nicht so stark ausgeprägt ist und sich an den Griffen daher nur schwer festhalten oder gar nach oben drücken konnte. Inzwischen gehört das der Vergangenheit an, in Bereichen Kraft und Koordination hat er erkennbare Fortschritte gemacht. Das liegt auch daran, dass Christopher ihn immer wieder aufs Neue fordert. So hat er beispielsweise kleine Zettel auf verschiedenen Höhen angeheftet, mit denen sich Max einen Bonus erklettern konnte. Auf diese Weise hat er mehrere Meter über dem Boden an Sicherheit gewonnen und gleichzeitig seine Hand-Fuß-Motorik verbessert.


Beim Klettern kennt Max nur eine Richtung: Nach oben.

Klettern beeinflusst alle Lebensbereiche

„Max wird mehr gefordert als bei einer herkömmlichen Ergotherapie, aber gleichzeitig nicht überfordert“, sagt Dominik Pauly. „Das Schöne daran ist, dass sich die Fortschritte beim Klettern auch auf andere Lebensbereiche auswirken.“ Das weiß Max‘ Vater aus eigener Erfahrung. Denn ein Erlebnis ist ihm nachhaltig im Gedächtnis geblieben: Als der Sechsjährige ein neues Fahrrad bekam, fiel es ihm schwer, gleichzeitig in die Pedale zu treten und dabei die Handschaltung zu drehen. „Eines Tages hat er es doch geschafft, weil sich seine Koordination und Kraft durch das Klettern wesentlich verbessert haben. Das war für uns alle ein tolles Erlebnis!“

Im Kanditurm flachsen Max und Kilian währenddessen mit Christopher. Die beiden Jungs kommen gut miteinander aus – trotz des Altersunterschieds von rund acht Jahren. „Die Therapie in kleinen Gruppen ist für Max super. Bisher haben wir es nicht bereut, dass wir auf das Angebot in Andernach aufmerksam geworden sind“, sagt Dominik Pauly. Rückmeldungen von Eltern wie diese bekommt Christopher öfter. Sie erzählen davon, welche Fortschritte ihre Kinder gemacht haben. Das liegt zum einen daran, dass der Ergotherapeut die Erwartungshaltung im Vorfeld abfragt und so auch individuell auf die Einschränkungen der Kinder und Jugendlichen eingehen kann. Zum anderen hat der Nachwuchs zumeist aber auch selbst großen Anteil daran, wie der 33-Jährige erzählt: „Die Kinder sind in der Regel so motiviert, dass sie auch außerhalb der Kletterhalle aktiv sein wollen. Dann machen sie zum Beispiel Übungen, die sich in einer Viertelstunde bequem zu Hause absolvieren lassen. Das Training verselbständigt sich mit der Zeit.“

 

Unermüdlich nach oben

Für ein Workout ist es für Max heute noch zu früh. Er möchte noch einmal seine Grenzen austesten und packt mutig den nächsten Griff. Inzwischen hat er sich an größere Höhen gewöhnt. Acht Meter sind meistens drin, manchmal auch zehn bis zwölf. Christopher hat mehrere Puzzleteile in der gesamten Halle versteckt, die der Sechsjährige nun nacheinander einsammelt. Unermüdlich, auch wenn das nächste Teil außer Reichweite scheint. Schon wirft er das nächste Stück nach unten. Stolz blickt er auf seinen Therapeuten herab – und danach schnell wieder nach oben. „Vielleicht ist für mich auch ein Schnitzel unter der Decke versteckt“, ruft er. Das ist sein Standardspruch, um sich selbst zu motivieren. Das kulinarische Erlebnis ließ bisher aber auf sich warten.

Wer mehr über das Therapieklettern mit Christopher Nink erfahren möchte: Hier geht’s zu seiner Homepage.