Staffan Karlsson und Peter Olsson haben sich mit einem Trip in den Yosemite Nationalpark einen Traum erfüllt. Im Bigwall-Mekka wollten es die beiden Schweden noch einmal wissen.

Auf dem „Dinner Ledge“ der „Washington Column“ genießt Peter Olsson im Yosemite Nationalpark die Stille – und einen überragenden Ausblick. Der Mond strahlt hell, am Himmel funkeln tausende Sterne. „Einfach traumhaft“, sagt er. Diesen Moment teilt der Schwede mit einem Freund aus seiner Kindheit. Gemeinsam mit Staffan Karlsson hat er im Yosemite Nationalpark sein Nachtlager aufgeschlagen. Für die beiden 44-Jährigen ist es nicht der erste gemeinsame Trip. Sie haben in ihrer Heimat geklettert oder auf den Lofoten und in Romsdalen in Norwegen. Jetzt sind sie für drei Wochen in den Nationalpark in den USA gereist, in dem das Bigwall-Klettern seinen Ursprung hat.

Dabei sah es viele Jahr lang nicht mehr danach aus, als würden Staffan und Peter diese Reise zusammen antreten. Staffan, der selbständig ist und als technischer Berater in Stockholm arbeitet, infizierte seinen Kumpel Anfang der 1990er Jahre mit dem Kletter-Virus. Sie fuhren zum Trad Climbing durch Skandinavien. 2002, nach der Rückkehr von einer Kletterreise nach Patagonien, veränderte sich Peters Fokus. Der Lehrer aus Karlsborg ging fortan zur Jagd. Die Faszination Klettern ließ ihn aber nicht los. „Mir hat etwas gefehlt, daher wollte ich es wieder wissen“, sagt Peter. Er griff zum Telefon und rief seinen Kumpel an. Das Ergebnis in Kürze: Die beiden packen ihre Ausrüstung und fliegen in die USA.

Schlafsack-Schlange vor Camp 4

Warum ausgerechnet Yosemite? „Jeder Kletterer hat den Traum, einmal ins Yosemite zu reisen. Die großen Granitfelsen sind beeindruckend, teilweise überwältigend“, sagt Peter. Nicht ohne Grund ist der Nationalpark als Mekka für Bigwall und Trad Climbing bekannt. Und von Kletterern aus aller Welt stark frequentiert. Das haben auch die beiden Schweden zu spüren bekommen, als sie einen Platz im legendären Camp 4 ergattern wollten. Für den bekanntesten Campingplatz im Park sind keine Reservierungen möglich. Vor der Rezeption bilden sich in der Hauptsaison daher lange Schlangen mit Menschen, die in Schlafsäcken übernachten. „Wir waren um sechs Uhr dort, der Check-In öffnet um halb neun. Wir dachten, wir seien früh dran. Das war wohl nichts“, erzählt Staffan. Stattdessen haben sie auf dem Campingplatz „Tamarack Flat“ übernachtet, eine 40-minütige Autofahrt entfernt und auf 2000 Metern Höhe. Die Nacht war kalt. Am nächsten Morgen haben sich die beiden Schweden um 4.30 Uhr eingereiht. „Da waren wir noch immer nicht die ersten, haben aber einen Platz bekommen.“


Warten in Schlafsäcken am Camp 4

Vom Camp aus gehen Peter und Staffan die ersten Routen an. Beim einfachen Crack Climbing an „The Grack“ beispielsweise, mit einem Schwierigkeitsgrad von 5.6.


Staffan und Peter, Warm-up an „The Grack“ (Foto: Joakim Neander)

Die Route liegt am Glacier Point, einem Aussichtspunkt oberhalb des Yosemite Valley. Er bietet einen überragenden Ausblick über den Nationalpark und das Tal – und auf den „Half Dome“. Ein Erinnerungsfoto mit dem Wahrzeichen des Nationalparks muss natürlich sein:


Peter am „Glacier Point“, im Hintergrund der „Half Dome“

Auch mit dem Kletterstil im Valley machen sich die beiden Freunde in den ersten Tagen im Yosemite Nationalpark vertraut. „Der unterscheidet sich ziemlich von dem, den wir kennen. Das hat was von Old-School-Rissklettern. Mit wenig Tritten und Griffen“, sagt Staffan. Und Peter ergänzt: „Wir haben schnell gemerkt, dass sich Yosemite von den Gebieten in Europa abhebt. Hier gibt es weniger Griffe, dafür viel mehr Risse.“

Tatsächlich stecken in den stark frequentierten Routen häufig allenfalls an den Standplätzen Haken oder Bohrhaken. Peter und Staffan nehmen sich daher zunächst kurze Routen an Felsen vor – am „Cookie Cliff“, an der „Church Bowl“ und am „El Capitan“. „Central Pillar of Frenzy“, einer der Klassiker, gehört auch dazu. „Das war schon herausfordernd und ein kleines Abenteuer“, findet Staffan. Denn geklettert wird fast ausschließlich in Rissen – teils fingerbreit, teils groß wie ein Schornstein.


Peter beim Technischen Klettern: „North American Wall“, El Capitan.


Staffan beim Schornstein-Klettern am „Central Pillar of Frenzy“.

Bouldern kann man im Tal übrigens auch. Staffan hat sich am berühmten „Midnight Lightning 7b+“ mitten im Camp 4 versucht – und dabei eine gute Figur abgegeben:


Staffan on „Midnight Lightning“

Das erste größere Ding

Zurück zur „Washington Column“: Die Erinnerungen an die letzte Nacht und den Sternenhimmel sind noch frisch. Peter und Staffan packen am frühen Morgen ihren Materialsack und ziehen weiter. Sie klettern das „Kor Roof“, das als Knackpunkt der Route gilt. Auf freies Klettern mit Schwierigkeitsgraden von 5.6 bis 5.8 folgt Technisches Klettern über ein steiles Dach hinweg. Über den vorstehenden Felsen folgen die beiden einem C1 Riss bis zum Sicherungspunkt. Dort beenden sie ihren Aufstieg und kehren ins Tal zurück. „Das war das erste größere Ding, an das wir uns gewagt haben. Es war eine gute Erfahrung, bei der wir viel über die Felsen lernen konnten“, sagt Staffan.


Früher Morgen, „Washington Column“.


Peter am „Kor Roof“

Die größte Herausforderung steht den beiden Schweden nämlich noch bevor: „The Nose“ am „El Capitan“. Die Route ist eine der populärsten der USA. Für die 1.000 Meter lange Strecke benötigen Kletterer durchschnittlich drei Tage. Wenige schaffen es sogar in wenigen Stunden. So wie die US-Amerikaner Alex Honnold und Hans Florine. Sie haben es im Juni 2012 in 2:23:46 Stunden geschafft.

Speed-Climbing steht für Peter und Staffan nicht auf dem Programm. Sie möchten sich Zeit lassen, das Erlebnis genießen. Am frühen Nachmittag brechen sie auf. So vermeiden sie Stau auf der Route. In ihrem Materialsack: Vorräte für fünf Tage und ein Portaledge, das ihnen die Freiheit gibt, überall auf ihrer Route schlafen zu können. Die guten Biwak-Plätze sind schwer zu erreichen oder schon überfüllt. Bis 16 Uhr erreichen sie den ersten Standplatz, um 19 Uhr den zweiten. „Bis zu dieser Stelle war das Klettern schon knifflig, weil man sich zwischen den Rissen hin und her schwingt“, sagt Peter. Es ist längst dunkel, als er mit Staffan das Portaledge aufhängt. Um 20 Uhr wird in ihrem Zwei-Personen-Portaledge-Camp das Abendessen serviert. Wieder ist die Nacht klar, der Himmel voller Sterne. Und unter und über ihnen lassen Lichter erahnen, dass noch Kletterer an der Wand sind.

Scheidepunkt „Sickle Ledge“

Um 2 Uhr werden die beiden Freunde aus dem Schlaf gerissen. Zwei Deutsche mit hell scheinenden Helmlampen klettern an ihnen vorbei. Sie streben nach einem „NIAD“, einem „Nose in A Day“. Wahnsinn! Die Schweden sind beeindruckt. „Wir können es nur vermuten. Aber gemessen an ihrer Geschwindigkeit in der Dunkelheit, dürften sie das geschafft haben“, sagt Staffan.

Für ihn und Peter geht es erst am nächsten Morgen weiter. Der Wecker klingelt im Morgengrauen, um 7.15 Uhr machen sie sich wieder auf den Weg. Um 11 Uhr haben sie zwei weitere Standplätze hinter sich gelassen und „Sickle Ledge“ erreicht, den ersten größeren Standplatz der Route. Die meisten Teams kommen dort nach einem Tag an, ziehen ihren Materialsack nach, lassen ein befestigtes Seil ab und setzen die Route an einem anderen Tag fort. „Sickle Ledge“ ist gleichzeitig auch ein Scheidepunkt für viele Kletterer. 50 bis 60 Prozent geben spätestens dort oder schon früher auf, heißt es in einem Reiseführer.

Aufenthalt unvollendet

Staffan und Peter werden auch dazu gehören. Das wird dem Duo klar, als sie sich besprechen. „Wir sind zu langsam. Bei unserer Geschwindigkeit benötigen wir voraussichtlich sechs Tage“, stellen die Schweden fest. Sie entscheiden sich daraufhin, nicht weiter auf der Route zu klettern. „Natürlich sind wir darüber enttäuscht, weil wir es möglicherweise hätten schaffen können. Aber das wäre schon sehr kräftezehrend gewesen“, sagt Staffan.


Pause für Peter auf dem „Sickle Ledge“.


Peter und Staffan auf der Route „The Nose“.


„The Nose“ am El Capitan, von “Sickle Ledge” aus gesehen.

Für zwei ziemlich beste Freunde endet der Aufenthalt im Yosemite Nationalpark daher unvollendet. Die Erinnerung an eine beeindruckende Landschaft, Herausforderungen am Fels und Gespräche mit fremden Menschen aus aller Welt haben sie aber mit auf die Heimreise genommen. „Zum Klettern gehört so viel. Vorbereitung, Training und Logistik. Man setzt sich ein Ziel, das man erreichen möchte. Und dazu gehört eben auch, dass sich Probleme erst beim Klettern selbst ergeben, die wir lösen müssen“, sagt Peter. „Das macht doch den Reiz am Klettern aus. Es ist wie ein Gericht, das aus vielen Zutaten besteht.“

Die beiden 44-Jährigen möchten nicht ausschließen, dass sie sich noch einmal „The Nose“ stellen. Oder dass sie grundsätzlich noch einmal ins Yosemite Valley zurückkehren. „Dort kann man sein ganzes Leben mit Klettern verbringen“, sagt Peter. Die Vorbereitung würde in jedem Fall intensiver ausfallen. „Sichern, Seiltechniken, Rissklettern, Technisches Klettern – das sind vielfältige Herausforderungen, auf die jeder vorbereitet sein sollte“, weiß Peter nun aus eigener Erfahrung. Die Provinz Bohuslän in Schweden oder die Bigwalls in Norwegen – das wären Klettergebiete, die sich als Trainingsort optimal eignen. Zumindest Staffan hat kurzfristig andere Pläne. Über das Dreikönigsfest zieht es ihn zum Sportklettern nach Margalef. Das Klettergebiet im Norden Spaniens ist ein attraktives Reiseziel für Kletterer aus der ganzen Welt.

 

Wir danken den beiden Freunden aus Schweden für ihre ehrlichen Impressionen von ihrer besonderen Reise ins Yosemite Valley.