Höhenretter sind ausgebildete Spezialisten. So wie die Einheit der Berufsfeuerwehr Wiesbaden. Ihr Leiter Thomas Dörwald erzählt, worauf es bei den Einsätzen ankommt – und was ihn an seinem Job fasziniert.

Das Morgenbachtal zählt zu den schönsten und gleichzeitig schwierigsten Klettergebieten in Rheinland-Pfalz. Die felsigen Hänge machen das Naturschutzgebiet zu einem beliebten Ziel für Anfänger und Fortgeschrittene. Es kommt regelmäßig vor, dass sich manche Kletterer zu viel zutrauen. Unfälle sind daher vorprogrammiert. So wie heute. Ein junger Mann ist an einer Felswand abgerutscht und hat sich auf einem Arm abgestützt, um sich abzufangen. Mit schweren Folgen. Der Ellbogen scheint gebrochen, er hat starke Schmerzen. Ein Abstieg von dem schwer zugänglichen Vorsprung ist für ihn nicht möglich. Zum Glück hat sein Freund bereits den Notruf alarmiert.


Einsatzbereit: Die Höhenretter der Berufsfeuerwehr Wiesbaden. (Foto: Wiesbaden 112 / Sebastian Stenzel)

Aus der Ferne ist bereits das Brummen eines Hubschraubers zu hören. Ein Höhenretter-Team der Berufsfeuerwehr Wiesbaden nähert sich. Die Mitglieder sind darauf spezialisiert, Menschen in Notlagen wie diesen mit Luftunterstützung zu retten. Weil die Wiesbadener über keinen eigenen Helikopter verfügen, kooperieren sie eng mit der Polizeifliegerstaffel Egelsbach. Wenn der Notruf ertönt, haben die Retter in den meisten Fällen nur eine grobe Vorstellung, was sie überhaupt erwartet. Im Morgenbachtal ist es jetzt bereits eine Herausforderung, den Verunfallten überhaupt zu erreichen. Das Seitental des Rheins ist nahezu vollständig bewaldet, die Unfallstelle kaum zu erkennen.


An einem Drahtseil seilen sich zwei Feuerwehrleute zum Boden ab. (Foto: Wiesbaden 112 / Sebastian Stenzel)

Am Drahtseil Richtung Boden

Unten winken zwei Personen. Über den Baumwipfeln drosselt der Pilot deshalb behutsam das Tempo. Zwei Feuerwehrleute stehen bereit, um sich an einem Drahtseil zwischen den Bäumen hindurch zu dem Verletzten abzuseilen. Ein weiterer Kollege folgt ihnen mit einer Vakuumtrage. Sie hüllt den jungen Mann komplett ein, er kann ohne Schmerzen transportiert werden. Es vergehen wenige Minuten, bis den Piloten ein Funksignal erreicht. Die Kollegen am Boden sind startklar. Gekonnt bringt er den Hubschrauber erneut in Position, lässt ein Seil herab. Daran werden der junge Mann und ein Höhenretter befestigt. Das geht ebenfalls ganz schnell. Beide Personen werden nun Richtung Hubschrauber, aber nicht ins Innere gezogen. Sie fliegen für wenige Minuten außen mit, bis der nächste Landepunkt erreicht ist. Dort wartet bereits ein Rettungswagen, der den jungen Mann ins nächstgelegene Krankenhaus fährt.


Am Landepunkt werden Retter und Verletzter abgesetzt. (Foto: Wiesbaden 112 / Alexander Wörl)

Übungen gehören zum Job dazu

Thomas Dörwald hat das Geschehen aus der Ferne verfolgt und jeden Handgriff beobachtet, denn: Was so realistisch gewirkt hat, war für die Männer der Berufsfeuerwehr Wiesbaden nur eine Übung. Die Verletzung des Kletterers war gestellt, im Ernstfall aber hätten die Retter ihn rechtzeitig aus seiner misslichen Lage befreit. Als Leiter der Wiesbadener Höhenretter-Einheit ist Thomas Dörwald daher zufrieden: „Für unsere Übungen wählen wir immer Szenarien, die uns auch im Einsatz begegnen können. Dabei können wir auf einen verunfallten Kranführer treffen, der aus seiner Kanzel gerettet werden muss, auf einen Schachtarbeiter mit Beinbruch oder einen in eine Baugrube gestürzten Arbeiter.“ Oder eben auf einem Kletterer, der sich nach einem Fehltritt am Felsen schlimmer verletzt hat. Übungen wie im Morgenbachtal gehören für Dörwald und sein Team zum Job dazu. Dreimal jährlich treffen sie sich zu einem dreitägigen Intensivtraining. Sie sind zu jährlich mindestens 72 Fortbildungs- und Übungsstunden verpflichtet. Wer sich auf die „Spezielle Rettung aus Höhen und Tiefen“ (SRHT) spezialisiert hat, hat zudem eine mindestens 80-stündige Ausbildung hinter sich.


„Die Arbeit als Höhenretter ist das i-Tüpfelchen“, sagt Thomas Dörwald. (Foto: Wiesbaden 112 / Sebastian Stenzel)

„Das ist ein Aufwand, den nicht jeder betreiben möchte“, sagt Thomas Dörwald. Der gelernte Bauschlosser ist diesen Weg gegangen, hat 2001 die Höhenretter-Einheit der Berufsfeuerwehr Wiesbaden aufgebaut. Damals mit drei Mitgliedern, heute sind es 16 Männer. Ihre Einsatzbereitschaft ist eine zusätzliche Aufgabe zum üblichen Feuerwehrdienst. Ausrücken muss die SRHT-Gruppe eher selten. „Meistens werden wir explizit zur Unterstützung hinzu gerufen. Wir kommen dann ins Spiel, wenn ein Unfall passiert ist“, erklärt Dörwald.

Ein überwältigendes Gefühl

Wenn der Leiter der Höhenretter-Einheit ausrückt, ist er in seinem Element. Er hat sich bewusst für diesen Beruf entschieden. Denn die Höhe übt auf ihn einen besonderen Reiz aus. Schon immer. Ende der 1980er Jahre schloss er sich den Fallschirmjägern an, heute gehört Klettern zu seinen Hobbies. „Als Feuerwehrmann ist man ohnehin ständig in der Höhe unterwegs. Aber die Arbeit als Höhenretter ist das i-Tüpfelchen“, ist Dörwald begeistert. „Es ist einfach überwältigend, zum Beispiel auf einem hohen Gebäude zu stehen.“ Keine Frage, dass mit der Faszination auch stets ein hohes Risiko verbunden ist. Das hat auch Dörwald verinnerlicht: „Den Respekt darf man nicht verlieren, dann wird man auch nicht leichtsinnig.“

Leichtsinn ist es in manchen Fällen auch geschuldet, dass die Höhenretter aus der hessischen Landeshauptstadt überhaupt ausrücken müssen. „Wir erleben häufig, dass Beschäftigten bei Höhenarbeiten das Wissen über die richtige Anwendung ihrer Ausrüstung fehlt. Sie können sich nicht aus ihrer Gefahrenlage befreien. Teilweise kennen sie nicht einmal ihren Standort, wodurch für uns die Arbeit nicht einfacher wird“, weiß Dörwald. Der Experte kennt aber auch die Fälle, von denen er nur durch Erzählungen hört: „Viele Unternehmen sind inzwischen dafür sensibilisiert, dass sie gesetzlich dazu verpflichtet sind, ihre Mitarbeiter zu schulen auch entsprechende Rettungskonzepte zu entwickeln.“ Wenn etwa ein Arbeiter beim Austauschen von Dachziegeln am Kirchturm einen Unfall hat, geht nicht gleich ein Notruf raus. Es kommt eben auch vor, dass die Kollegen den Betroffenen selbständig retten.

Kein Standardprogramm

Wenn das nicht funktioniert, kommen die Wiesbadener Höhenretter zum Einsatz. Sie müssen die Lage innerhalb weniger Augenblicke einordnen können. Die Handgriffe, die dann folgen, sind eingeübt. Durch klare Absprachen untereinander, weiß jeder aus dem Team, was er zu tun hat. Wie einzelne Zahnräder, die ineinander greifen, gehen die Spezialisten zu Werke. Ein Standardprogramm gibt es nicht. Dafür unterscheiden sich die Einsätze zu sehr voneinander. Wenn etwa ein Fensterreiniger abstürzt und in seinem Sicherheitsgurt an einer Hausfassade hängt, kann er in dieser Position möglicherweise zunächst durch einen Rettungssanitäter erstversorgt werden – und erst dann zu Boden gelassen werden. Ganz anders muss die SRHT-Einheit bei einem Baumpfleger vorgehen, der sich in der Höhe beim Arbeiten mit seiner Motorsäge verletzt hat. „Da ist das Verletzungsbild meistens dramatisch und deshalb schnelles Abseilen ein Muss, damit er nicht verblutet“, erklärt Dörwald.

Volles Vertrauen – in Kollegen und Ausrüstung

Ganz egal, was die Einsatzkräfte am Unfallort vorfinden. Eine Maxime bleibt für Dörwald stets unverändert: „Letztendlich geht es immer darum, einen oder mehrere Menschen innerhalb kürzester Zeit zu retten.“ Und dabei geht es nicht nur um die Sicherheit der Betroffenen, sondern auch um die eigene. Dabei müssen sich die Teammitglieder nicht nur auf ihre Kollegen absolut verlassen können, sondern auch auf ihre Ausrüstung.


Wer in der Höhe arbeitet, muss sich auf seine Ausrüstung verlassen können. (Foto: Wiesbaden 112 / Sebastian Stenzel)

Neben herkömmlicher Feuerwehrkleidung benutzten sie beispielsweise auch Gurte, mit denen sie sich selbst gegen einen Absturz sichern. Zudem können sie sich damit in das Drahtseil einhaken, an dem sie sich aus einem Hubschrauber an eine Unfallstelle abseilen. Den Gurt dürfen die Höhenretter individuell auswählen. „Wichtig ist, dass sich alle in ihrer Ausrüstung wohlfühlen. Das bedeutet, dass ein Gurt bequem und einfach zu handhaben sein muss und bei der Arbeit nicht behindern sollte“, erklärt Dörwald, worauf es ihm bei seiner Ausrüstung ankommt. Dörwald weiß: „Das Handling unserer Ausrüstung müssen wir im Schlaf beherrschen.“ Auch deshalb hält er sich mit seiner Einheit regelmäßig fit. So wie bei der Übung im Morgenbachtal …